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Einmischen statt weggucken
Unter uns: Idris Simsek setzt auf Miteinander und erhält dafür einen Preis

Türke oder Deutscher? Manchmal weiß Idris Simsek nicht so recht, für welches Land sein Herz schlägt. Auf jeden Fall für ein friedliches Miteinander. Für sein Engagement wurde der 26-Jährige ausgezeichnet.

STEFAN LÖFFLER


Neu-Ulm  Idris Simsek ist ein guter Redner, der überzeugen kann. Wenn er sich einmischt, dann hört man ihm zu - nicht nur in seinem Amt als Bezirksschülersprecher. Mit Verhandlungsgeschick und unermüdlichem Einsatz hat der in Deutschland lebende Türke schon so manchem Mitschüler aus der Patsche geholfen. Auf der diesjährigen Abschlussfeier der staatlichen Berufsschule Neu-Ulm verschlug es ihm jedoch kurz die Sprache. Völlig überrascht und sichtlich gerührt nahm er im großen Saal des Edwin-Scharff-Hauses eine Sonderauszeichnung für sein hohes Engagement beim Projekt "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage" entgegen. Ein Preis, der dieses Jahr zum ersten Mal vergeben wurde.
 
Simsek, der vor kurzem die Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik bei Evobus erfolgreich abgeschlossen hat, kennt die Spannungen, die entstehen, wenn Schüler aus verschiedenen Ländern auf engem Raum zusammenkommen. "Im ersten Lehrjahr hatten wir Schüler aus 86 Nationalitäten an der Schule. Da ist es wichtig, dass man auch auf dem Schulhof nicht einfach wegschaut, sondern sich einmischt, wenn es Probleme gibt", sagt der engagierte erste Schülersprecher der Berufsschule, der zudem vor zwei Jahren zum ersten Bezirksschülersprecher im Regierungsbezirk Schwaben gewählt wurde. Ein Amt, das er nach der Übernahme bei Evobus demnächst aufgeben wird. Und das werden auf jeden Fall diejenigen bedauern, denen Simsek in den vergangenen Jahren geholfen hat, sei es bei Streitigkeiten mit Mitschülern oder Lehrern.


Simsek mischte sich ein und fuhr oftmals auch in seiner Freizeit in andere Städte, um bei Konflikten an anderen Schulen helfend zur Seite zu stehen: "Es ist wichtig, dass man sich auch helfen lassen will", sagt er. Der 26-Jährige weiß, wovon er spricht: "Ich war früher selbst ein sturer Kopf, der erst sehr spät die Kurve gekriegt hat."
 
Lange Jahre hatte er kein Geld, keinen richtigen Arbeitsplatz, hing rum und jobbte ab und zu. Erst als man ihm das einjährige Qualifikationsjahr anbot, ging es bei ihm wieder bergauf. "Auf einmal hatte ich Lust, noch einmal so richtig Gas zu geben."
 
Jetzt ist er am Ziel und möchte auch andere Jugendliche ermutigen, weiter ihren Weg zu gehen. Und dabei, sagt Simsek, darf es doch keine Rolle spielen, welcher Stempel im Pass steht. Simsek weiß, dass er in einer Gesellschaft lebt, in der man als Ausländer sehr schnell verbalem Rassismus ausgesetzt ist. "Das fängt doch oftmals schon in der Nachbarschaft an. Und um sich in einer deutschen Fußballmannschaft einen festen Platz zu ergattern, musst du als Ausländer ganz einfach doppelt so gut sein wie ein Einheimischer." Der kickende Idris Simsek weiß dies aus eigener Erfahrung.
 
Dabei betrachteten viele Leute mit Migrationshintergrund Deutschland als ihre Heimat. "Manchmal weiß ich nicht, ob ich nun der europäische oder der türkische Idris bin. Zu Hause beginnen wir oft einen Satz in türkischer Sprache und beenden ihn in deutscher. Oder umgekehrt." Und wenn er mit seinen Eltern, die seit 30 Jahren in der Ulmer Weststadt wohnen, zu den Verwandten ans Schwarze Meer fährt, wird diese Unsicherheit noch deutlicher. "Dort heißt es immer: Schaut mal, die Deutschen kommen", erzählt er.
 
Türke oder Deutscher? Idris Simsek ist irgendwie beides. Und steht damit nicht alleine.

 

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